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26.06.2020 08:25 Alter: 84 Tag(e)
Von: G. Svoboda

Verschlafen – Aufgewacht

Erfahrungen und Gedanken zur aktuellen schulischen Situation


Die Zeit der Schulschließung

Ich fühle mich fremd, als ich an einem Morgen Ende März, der eigentlich ein normaler Unterrichtstag wäre, das Schulhaus betrete. So gut wie kein Mensch ist anwesend. Keine Stimmen von Kindern, Jugendlichen, Lehrerinnen und Lehrern. Die Klassenzimmer sind leer. Das Haus ist kühl, weil es sich nicht lohnt, die Heizung anzumachen. Im Sekretariat ist es ruhig. Ganz selten, wenn überhaupt, klingelt das Telefon. Mein Terminkalender, der zuvor prall gefüllt war, ist mit einem Mal leergeräumt. Sämtlichen dienstlichen Termine wurden gestrichen. Keine Schülergespräche. Keine Elterngespräche. Keine Lehrergespräche. Es herrscht „geplante Ruhe“. Das ist nicht Schule, wie ich sie kenne. Der Gedanke eines Skeletts drängt sich mir auf.

Fahre ich dann mein Laptop hoch und logge mich in unsere Online-Lernplattform ein, ist das Gegenteil beobachtbar. Denn zur gleichen Zeit spielt sich ein Teil des Unterrichts digital ab. Hier summt und brummt es. Die Nutzerstatistik schnellt Woche für Woche in die Höhe. Mein Lehrerteam gibt sich alle erdenkliche Mühe, die Schülerinnen und Schüler zu erreichen. Mit verschiedensten Mitteln und Wegen versuchen wir, so gut es geht, die Schulgemeinschaft und den Unterricht aufzufangen.

Es ist ein Sprung in das kalte Wasser, aber immerhin hatten wir schon seit September 2019 ein kleines, aber seetüchtiges Boot, in das wir springen konnten. Denn mit Unterstützung unseres Fördervereins hatten wir im vergangenen Herbst die Lizenz einer Software (schul.cloud) gekauft, in der sich Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler treffen können, sowohl in Klassen- oder Fachgruppen als auch in Arbeitsgemeinschaften, Planungsgruppen usw. Vor dem 16. März 2020 waren rund 1/3 unserer Schulgemeinschaft in der schul.cloud. Am 18. März waren es dann fast alle Lehrerinnen und Lehrer sowie Kinder und Jugendlichen der LFR.

Sicher, es gab und gibt wesentliche Schwierigkeiten und Herausforderungen: Wie stellt man im digitalen Fernunterricht didaktisch-methodisch sinnvolle Aufgaben? In welchen Kanälen? Wie erreicht man jedes Kind? Wie vermeidet man Über- oder Unterforderung? Was dürfen wir tun, was nicht – Stichwort: Leistungsmessung? Welche Datenschutz- und Urheberschutzbestimmungen müssen wir beachten? Was ist mit Fächern wie Sport, Musik, Religion, Kunst, Technik, AES (Hauswirtschaft), in denen eigentlich praktisch-anschauliches Lernen im Vordergrund steht?

Aber noch wichtiger: Wie gehen wir mit den Emotionen der Schülerinnen und Schüler um? Der zeitweiligen Vereinsamung? Den Ängsten? Der Motivation und gelegentlichen Unmotiviertheit? Erkennen wir die substanziellen familiären Probleme bei manchen Kindern und Jugendlichen noch genauso, wie beim Präsenzbetrieb? Was ist, wenn weder ein Kind noch dessen Eltern sich um das digitale Lernen kümmern, sondern abtauchen? Wie gelingen Bindung und echte Begegnung – wesentliche Voraussetzungen für Bildungsprozesse in der Schule? Denn eines wurde allen am Schulleben Beteiligten klar: Die Schule ist ein sehr wichtiger Sozialraum für die Prägung von jungen Menschen.

Nach und nach konnten wir seit den Schulschließungen einige dieser Fragen abarbeiten und zumindest einige der Sorgen mindern: Wir führten Online-Präsenzpflicht an den Unterrichtsvormittagen ein. Entwickelten einheitliche Aufgabenkanäle pro Klasse, damit Schüler und Eltern den Überblick behalten konnten. Öffneten einen virtuellen Kummerkasten für Schüler. Erstellten einen Hilfe-Kanal für Schüler, welche technische Probleme hatten. Mehrere Lernanwendungen für digitalen Fernunterricht wurden erprobt, mussten aber teilweise wieder verworfen werden, da sie didaktisch wenig Sinn bieten.
Für Mathematik fanden wir immerhin eine Anwendung, die bis zu den Sommerferien kostenfrei nutzbar ist. Außerdem wurde eine Videoplattform eingeführt, so dass jede Klasse, die nicht im Präsenzunterricht (ab April) sein durfte, mehrfach die Woche Videounterricht erhielt. Insgesamt war es uns wichtig, dass wir uns nur auf wenige digitale Kanäle beschränkten und die Lehrkräfte sich untereinander abstimmten, damit die Schülerinnen und Schüler nicht überfordert werden.

 

Was sich in der ganzen Zeit deutlich zeigte: Wir hätten in Deutschland den digitalen Wandel im Schulwesen, vielleicht auch in der Gesellschaft schneller vorantreiben müssen. Jahrelang ist im Bereich von digitalen Bildungsplattformen relativ wenig passiert und einiges ist „verschlafen“ worden. Sinnvolle Anwendungen, die realen Unterricht ergänzen könnten, sind häufig konzeptionell nicht ausgereift oder für viele Schulen nicht erschwinglich oder datenschutzrechtlich bedenklich. Es fehlt vielfach auch an inhaltlich sinnvollen Lehr- und Lernkonzepten. Denn Präsenzunterricht ist nur wenig mit digitalem Fernunterricht zu vergleichen und es benötigt bei Letzterem einer eigenen Didaktik und Methodik. Noch gibt es in Deutschland zu wenige Experten, die ihr Wissen multiplizieren können. Aber dennoch: Mein Lehrerteam hat, wie an anderen Schulen auch, innerhalb weniger Woche einen Spurt im Bereich des digitalen Arbeitens hingelegt, den wir in normalen Zeiten nicht in dieser Geschwindigkeit und mit diese-m Willen geschafft hätten. Innerhalb kürzester Zeit haben viele Lehrerkollegien den nötigen Aufwach-Prozess forciert.


Auch die Kommunikation mit den Eltern lief in den meisten Fällen hervorragend und durchweg transparent. Das war uns von vornherein wichtig: Die Eltern so umfassend und zeitnah wie möglich mitzunehmen, denn sie hatten besonders bei den jüngeren Schülerinnen und Schülern die Hauptlast zu tragen. Davor haben wir großen Respekt.

Für einige Schülerinnen und Schüler, die technisch abgehängt waren und deren Familien sozial in einer prekären Lage sind, organisierte unser Förderverein iPads zur Ausleihe, damit die Kinder am Online-Unterricht teilnehmen können. Wir können nur hoffen, dass die vom Land Baden-Württemberg 300 000 versprochenen Endgeräte für Kinder und Familien in sozial schwierigen Situationen bald kommen, denn wir befürchten, dass mit weiteren Schulschließungen im nächsten Schuljahr zu rechnen ist.

Bedenklich ist die Situation bei Kindern und Jugendlichen, die von sich aus oder deren Eltern wenig Interesse zeigen, dass die Kinder den Anschluss beim Lernen halten.

Reduzierter Präsenzunterricht

Seit Mitte April realisierten wir dann den Präsenzunterricht mit den 9. und 10. Klassen. Wichtig war für uns besonders, dass die Schülerinnen und Schüler der 10. Klassen so gut wie möglich auf die anstehenden schriftlichen Abschlussprüfungen vorbereitet waren. Die Jugendlichen hatten dabei die Wahl, am Haupt- oder am ersten Nachtermin im Juni teilzunehmen. Wir sind stolz auf unsere Schülerinnen und Schüler: Alle nahmen an den drei Hauptterminen teil. Keiner fehlte. Erstmalig haben wir in der großen Sporthalle (Aschingerhalle) die Prüfungen geschrieben. Jeder Schüler mit drei Metern Abstand zum Nachbarn. Ich war sehr erleichtert, als ich nach der letzten schriftlichen Prüfung feststellen konnte, dass alles flüssig und problemlos geklappt hatte.

Die Unterrichtssituation in der Schule ist allerdings schon heftig: Irgendwie kommt man sich wie in einem Hochsicherheitstrakt vor: Abstandsmarkierungen auf den Böden, Warn- und Hinweisschilder, Einbahnstraßensystem, verstärkte Aufsichten, halbierte Klassen wegen der Abstandsregelungen, Mund-Nasenschutz außerhalb der Unterrichtsräume, gelegentlich kalte Klassenzimmer wegen der ständigen Durchlüftung usw. Auf dem Schulgelände bekommen es die Schülerinnen und Schüler toll hin mit diesen Hygienevorgaben. Außerhalb auf der Straße jedoch kann man öfters keine Zurückhaltung mehr beobachten: Zusammenstehen, Umarmungen, Eltern, welche mehrere Schüler in einem Auto abholen usw. Wenn das mal nur gut geht.

Zumindest innerhalb der LFR können wir die Vorgaben des Landes gut umsetzen, nicht zuletzt des enormen Fleißes der Hausmeister, der Sekretärinnen und des Reinigungsteams. Dieser Personenkreis hat fantastische Arbeit geleistet. Gleichzeitig unterstützt uns das Rathaus Oberderdingen hervorragend, besonders was die Anschaffung von Desinfektionsmitteln, Schutzmasken, eines Sonderetats für Literatur und Lernmaterial für den Fernunterricht betrifft usw. Eine Krise kann man nur bewältigen, wenn man zusammenwächst und in Oberderdingen ist dies zum Glück der Fall.

In den Unterrichtsräumen ist es aufgrund der großen Abstände und reduzierten Klassen manchmal gespenstisch still. Die Lehrerinnen und Lehrer berichten von Unterricht, den sie noch nie so leise erlebt hätten. Man könnte Stecknadeln fallen hören. Auch dieses neue soziale „Miteinander“ ist ungewohnt.

Seit den Pfingstferien dürfen endlich die Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen 5-8 zumindest teilweise wieder in die Schule unter Einhaltung der oben genannten Bedingungen. Alle Lehrkräfte sind an Bord, selbst Personen, die zu den Risikogruppen gehören, wollen spätestens ab dem 29.06. unterrichten. In den Klassen findet ein stetiger Wechsel zwischen Präsenz- und Fernunterricht statt. Allerdings: Gruppen- und Partnerarbeiten, aber auch ganze Fächer wie z.B. das Fach Sport sind derzeit verboten. Die Kinder und Jugendlichen versuchen wir dennoch zu animieren, die Zeit nochmals intensiv zum Lernen in Vorbereitung auf das nächste Schuljahr zu nutzen. Ich denke aber, dass es für sie am wichtigsten ist, zumindest teilweise den Sozialraum Schule wieder live erleben zu dürfen.

Fragen über Fragen

Meinem Lehrerkollegium habe ich versprochen: Wenn der ganze Spuk irgendwann wieder vorbei ist, dann spendiere ich einen Kasten mexikanischen Bieres (Name beginnt einem “C”) für eine Grillparty. Aber ich habe die Befürchtung, dass wir darauf noch eine Weile warten müssen und auch das kommende Schuljahr etliche besonderen Herausforderungen für die Schulgemeinschaft haben wird.

Wir stellen uns an der LFR derzeit viele Fragen: Stehen wieder (teilweise) Schulschließungen an? Oder werden wir ohne Abstandsregelungen (laut Vorgaben) in fest bestehenden Lerngruppen/Klassen unterrichten. Dies würde aber bedeuten, dass wir auf Mischgruppen wie in Technik, Hauswirtschaft, Religion, Ethik, Sport verzichten müssten. Werden diese Fächer überhaupt gemäß den Bildungsplanvorgaben unterrichtbar sein? Welche Landesregelungen wird es hierzu geben? Was ist mit Arbeitsgemeinschaften, die das Schulleben normalerweise bereichern? Wie fangen wir die neuen Schülerinnen und Schüler der künftigen Klassenstufe 5 auf, die die Abläufe, die Menschen und die Schulgemeinschaft noch überhaupt nicht kennen?
Wie verbessern wir die Lernprozesse bei den schwächeren Schülerinnen und Schülern? Wie fangen wir sozial bedingte Probleme auf? Gibt es sinnvolle und bezahlbare Software, die auch Rückmeldungen zum jeweiligen Lernstand eines Schülers zulassen? All das sind Fragen, die uns derzeit bewegen und zu denen das Lehrerteam sich derzeit viele Gedanken macht sowie etliche Planungen durchführt. Beispielsweise buchen wir einen Profi für digitalen Fernunterricht, der das Kollegium hier weiter professionalisiert. Denn im Gegensatz zur normalen Schuljahresplanung heißt es jetzt, sich auf verschiedenste Szenarien vor dem Hintergrund eines möglichen weiteren Infektionsgeschehens vorzubereiten.

Ich bin aber zuversichtlich: Im Verbund: Eltern-Schüler-Lehrkräfte-Schulträger-Förderverein-Schulbehörden wird es uns gelingen, die jungen Menschen weiterhin zu begleiten und zu stärken.

Gregor Svoboda, Schulleiter der Leopold-Feigenbutz-Realschule Oberderdingen


 
 

Kontakt

Leopold-Feigenbutz-Realschule (LFR)

Am Gänsberg 2

D-75038 Oberderdingen


Tel.: 07045-96110

Fax: 07045-961199

Mail: schule 'at' lfr.de

 

 

 
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